Page 71 - Gehaltvoll 12.1
P. 71

Nach jahrzehntelanger Nachfol-      den Heiligen Geist, in allen per-    ich Christ wurde, habe ich in der
        ge kann nicht nur eine „weltan-     sönlichen     Weltanschauungen       Not gebetet. Auch als Nichtchrist
        schauliche oder interreligiöse“     aufgrund des allgemeinen Segens-     habe ich mich zum Beispiel um
        Dialogreise mit jedem Menschen      wirkens Gottes und seiner voraus-    behinderte Menschen geküm-
        beginnen, das sicher auch, aber vor   eilenden Gnade.                    mert. Ich habe Gottes Eingreifen
        allem entdecke ich das Abenteuer                                         erlebt, ohne dies als solches zu er-
        Mensch, denn jeder ist zuallererst   Die Entscheidung für eine dieser    kennen. Auch war ich überzeugt,
        ein Geschöpf Gottes, ein Geliebter   drei Positionen wird auch unse-     dass mein Leben einen Sinn hat.
        und ein potentiell Erlöster.        re alltäglichen Beziehungen zu       Mehr als wir denken, hat jeder
        Interessant ist nun, welche der drei   Nichtchristen prägen.             Mensch schon irgendeine Er-
        Möglichkeiten, die ich als Grund-   Persönlich scheint mir die dritte    fahrung mit Gott gemacht. Wir
        haltungen des interreligiösen Di-   Position der Wahrheit am nächs-      können Spuren Gottes in jedem
        aloges kennengelernt habe, wir in   ten  zu  kommen.  Warum?  Weil       Menschen aufspüren.
        der Begegnung mit den Menschen      Gottes Güte uns zur Umkehr
        einnehmen:                          treibt und weil ich deshalb davon    Und wir können gleichzeitig ein
        • Alle haben recht: Alle Menschen,   ausgehen kann, dass diese Güte      Dreifaches in jedem Menschen
        auch wir Christen, besitzen be-     für jeden Menschen erfahrbare        wahrnehmen:
        grenzte Erkenntnis. Keiner besitzt   Spuren hinterlassen hat, unbe-      • die Sehnsucht jedes Menschen
        also die ganze Wahrheit.            deutend, ob er in einer christ-      nach Gott,
        • Die ausgrenzende Einstellung:     lichen Kultur aufgewachsen ist       • den Schaden, den die Sünde in
        Die individuellen nichtchristlichen   oder  nicht.  Schon  lange  bevor   und durch sein Leben angerichtet
        Weltanschauungen liegen alle ver-                                        hat, und
        kehrt, weil sie als Ausgangspunkt                                        • die unendliche Gnade, die in Je-
        Rebellion  gegen  Gott  haben,  ein                                      sus Christus für jeden bereitliegt
        dämonisches  Wirken  darstellen,                                         und die schon ihre Spuren zeigt.
        sich auf Werkgerechtigkeit verlas-                                       Und so gilt es, Gottes Spur im Le-
        sen oder auf persönlichen existen-                                       ben jedes Menschen zu erwarten,
        tiellen Erfahrungen gründen, aus                                         zu entdecken (helfen) und Anstö-
        denen Menschen ihr eigenes Welt-                                         ße zur tieferen Umkehr zu geben.
        anschauungsgebäude schneidern.                                           Er darf nicht auf das Ziel Bekeh-
        • Die inklusive Position: Wir fin-                                       rung reduziert werden. Wir wol-
        den Hinweise auf den dreieinigen                                         len Beziehungen bauen mit Inter-
        Gott, den  Vater, den Sohn und                                           esse und Respekt voreinander.






























                                                                                                                     71
   66   67   68   69   70   71   72   73   74   75   76